Interview mit MdB Lindh und OB Mucke

In der Mobilen OASE treffen wir auch den Bundestagsabgeordneten Helge Lindh und Oberbürgermeister Andreas Mucke. Sie beide sind gekommen zur Veranstaltungseröffnung „Inklusion von Anfang an“ des VDK und der Aktion Mensch . Auch sie fragen wir zum Überleben, ihrer Philosophie, ihren Erfahrungen.

Es muss kribbeln

Interview mit dem Bundestagsabgeordneten Helge Lindh (SPD)

Wir treffen uns in der „Mobilen Oase“ auf dem Vorplatz der Färberei in Wuppertal Oberbarmen. Helge Lindh, seit 2017 sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Wuppertal-1, ist zur Eröffnung der Veranstaltung „Inklusion von Anfang an“ vom VDK und der Aktion Mensch gekommen. Er trägt Jeans und ein offenes Polohemd. Schon bei der Begrüßung lacht er. Er lacht überhaupt gerne. Auch als wir ein Glas Wasser mit Ahoj-Brausepulver anbieten.

Helge Lindh (betrachtet die Brause): Sind das Drogen?

DER SAND: Ja. Wahrheitsdrogen. Du musst ganz kurz warten, bis es wirkt. Und nicht mit nem Kopfsprung ins Becken springen.

Muss die sich aufgelöst haben?

Kann man so machen, wie man will.

(Er probiert): Oh, die ist aber süß. Ich mag ja Brausepulver sowie… ich mag Brausepulver ja so pur. Unverdünnt. Wie immer im Leben, immer.

Wie Oskar Matzerath.

Ja, damit es auf der Zunge so kribbelt und brennt.

Und im Bauchnabel, oder?

Ja, im Bauchnabel auch. Andere Stellen werde ich jetzt nicht benennen.

War die Blechtrommel für dich eine prägende Erfahrung?

Die bittere Pointe ist: Ich habe Schlöndorffs Film nie vollständig gesehen. Muss ich allerdings mal machen, wenn ich den Hauptdarsteller sehe, muss ich immer unfreiwillig Philip Amthor denken.

Den CDU-Abgeordneten?

Ja. Ich bin ja Grassianer.

Hast du viel gelesen früher?

Ja, aber das musste ich auch im Studium.

Du hast Literatur studiert und Politikwissenschaft auf Magister.

Unter anderem. Abgeschlossen habe ich in Neue deutsche Literaturwissenschaft. Und in Geschichte und Sprachwissenschaft bzw. Linguistik.

Wo hast du studiert?

Außer im Leben, in Lüneburg, Bielefeld und Düsseldorf. Ich habe noch die Möglichkeit genutzt, nicht vom Bachelor gebändigt zu studieren, sondern freigeistig.

Wie viele Semester hast du studiert?

Zu viele. Weiß gar nicht mehr. War zwischendurch auch mal krank, musste dann auch unterbrechen. Hab aber dann nochmal Angriff genommen und mir dann einen formvollendeten Abschluss erarbeitet. Mit einer Examensarbeit zu Grass übrigens.

Zu Grass? Über welches Buch?

“Hundejahre”.

Ich dachte “Örtlich betäubt”.

Nein. Das ist aber mein genereller Zustand. Jetzt auch als Bundestagsabgeordneter.

Wir haben ja verabredet, heute über das Überleben zu sprechen.

Genau.

Also: Welche Erfahrungen mit Überleben hast du? Und welche Überlebenstechniken hast du dir im Laufe deines noch jungen Lebens angeeignet?

Naja, ich musste mal wirklich buchstäblich überleben, als ich sehr krank war, im Krankenhaus, und es gar nicht so gut aussah. Das ist sozusagen das buchstäbliche Überleben. Dann kämpft man physisch tatsächlich darum, den Schmerz zu besiegen und das Leben zu erhalten.

Foto: Mirela Hadzic

Was für eine Krankheit war das?

Das war eine verschleppte Krankheit, das ging von der Galle aus, dann war die Bauchspeicheldrüse schwer entzündet, und das wurde zwei Jahre lang falsch diagnostiziert und dann ging’s zur Notoperation ins Krankenhaus. Da war wirklich Not, es musste dringend was geschehen. Die Ärzte hatten sich ehrlich gesagt nicht die Mühe gegeben, genauer hinzugucken. So lag ich dann im Helios und wog noch 45 oder 48 Kilo. Hab mich dann aber wieder berappelt – dank ärztlicher Kunst und netter Familie und eigener Anstrengung.

Hat auch deine Arbeit mit Überleben zu tun?

Wuppertal bedeutet auch die Kunst des Überlebens, und Politik ist Kunst des Überlebens hoch zwei. Erst recht heutzutage. Und dann wird es wieder bitter, weil es ja einige gibt, die einen gerne umbringen würden. Das ist nicht ironisch gemeint. Da muss man sich auch auf’s Überleben verstehen.

Wir reden über das wortwörtliche Umbringen? Hast du Morddrohungen erhalten?

Ja. Da weiß man ja nie, ob die wirklich Ernst machen. Aber leider zeigt ja die “Wirklichkeit” in Anführungszeichen, dass die das im Einzelfall auch tun. Ich habe auch Morddrohungen bekommen, handgeschrieben und in digitaler Art. Das ist auch nicht immer beruhigend.

Hat sich das verstärkt, seit du Bundestagsabgeordneter in Berlin bist und anders in der Öffentlichkeit stehst?

Das hat natürlich damit zu tun. Wenn man sich immer klar gegen Rechts positioniert hat und mit Thema Migration und Ausländer und Flucht zu tun hat. Für Drohende wirkt der Bundestag als eine Art Brandbeschleuniger, der ihnen eine mehr Aufmerksamkeit verschafft.

Ich seh dich ohne Bodyguard.

Ja.

Schreibst du deine Reden anders, bewegst du dich anders?

Ich versuche mich davon nicht beeindrucken zu lassen. Also selbstverordnete Ignoranz und Naivität als Überlebenstechnik.

Trainierst du auch deine innere Haltung?

Nicht wirklich. Aber wenn ich merke, dass ich mich von diesen Drohungen beeindrucken lasse oder Dinge nicht sage, die ich ansonsten sagen würde, versuch ich das beim nächsten Mal zu korrigieren und mich nicht selbst zu zensieren und einzuschränken. Weil das der größte Triumph der Drohenden wäre.

Die Fragen stellte Roland Brus.

„Ich bin ein Chancendenker.“

Oberbürgermeister Andreas Mucke (SPD) über das Überleben in Wuppertal.

Welche Überlebenserfahrung haben Sie gemacht?

Mit guter Laune kann man vieles ins Positive wenden und gut überleben. Es gibt immer eine Lösung, und wenn man hingefallen ist, steht man wieder auf. Das Krönchen wird gerichtet, und es geht weiter. Das ist mein Überlebensrezept.

Haben Sie schon mal eine konkrete Überlebenserfahrung gemacht?

Eine Krise hat wahrscheinlich jeder Mensch mal gehabt, wo man denkt, es geht nicht weiter, wo es privat mal hapert oder in der Politik. Aber ich denke immer positiv, ich bin ein Chancendenker und denke, es geht schon weiter.

War das schon immer so?

Ja, ich bin zwar ein echter Wuppertaler Jung, aber nicht typisch für die Region. Ich sage immer, das Glas ist halb voll und nicht halb leer, ich meckere nicht nur und sehe immer auch das Gute, das Positive. Das macht einen viel froher. Und damit kann man sich auch weiter hangeln.

Wo in Wuppertal wurden Sie geboren?

Am Arrenberg, ich habe in der Ernstraße 19 gewohnt. Mein Vater hatte in der Senefelder Straße eine Firma, fast 40 Jahre lang, Gas,Wasser, Heizung.

Wie lang haben Sie da gelebt?

Nicht so lange, sieben Jahre glaube ich. Dann sind wir in die Richard-Wagner Straße gezogen. Als ich sechzehn war, habe ich dann angefangen, am Arrenberg Politik zu machen, zusammen mit Stefan Kühn, dem heutigen Sozialdezernenten, im SPD Ortsverein. Ich bin also dem Arrenberg immer sehr verbunden gewesen. Außerdem ist mein ältester Sohn dorthin gezogen.

Wie sind Sie nach Wichlinghausen gekommen?

Ich wohne jetzt oben am Dellbusch, seit 1999, Stadtbezirk Oberbarmen. Wichlinghausen war immer auch ein Arbeitsumfeld. Ich habe mich bei der Quartiergesellschaft intensiv darum gekümmert. Hier fühle ich mich zuhause, in der ganzen Stadt.

Wo geht es denn am meisten ums Überleben in Ihrer Stadt? Die ganze Stadt ist ja über den Haushalt in Geiselhaft. Man kommt von der Intensivstation, oder?

Das muss man immer relativ sehen. Natürlich ist Wuppertal ein Patient mit vielen Problemen. Aber trotzdem, eine ziemlich geile Stadt. Wenn ich das vergleiche mit vielen anderen Städten in Deutschland oder auf der ganzen Welt, geht es uns doch relativ gut. Wenn ich uns vergleiche mit Düsseldorf oder Münster oder Bonn, dann muss ich sagen, da ist noch ganz schön viel Luft nach oben.

Foto: Mirela Hadzic

Nicht nur die Stadt ist arm, auch viele ihrer Bewohner sind es.

Wir haben viele Menschen in der Stadt, auch viele, denen geht es wirtschaftlich schlecht, die haben einfach wenig Geld. Weil sie arbeitslos sind oder arbeiten und trotzdem arm sind, da gibt es ja ganz viele. Oder weil sie in Rente sind oder sowenig Geld bekommen, obwohl sie ein ganzes Leben gearbeitet haben, dass das eigentlich eine Schande ist für unsere Gesellschaft. Aber es gibt auch Menschen, die haben nicht nur ökonomische Probleme, sondern vielleicht auch private oder gesundheitliche oder andere Probleme. Auch um die müssen wir kümmern. Die haben Fragen zum Überleben, die haben vielleicht keine Verwandten, keine Freunde, kein Umfeld oder keine Eltern, die ihnen helfen, die ihnen beistehen. Das sind die Überlebenskünstler. Ich bin dankbar, dass es mir so gut geht und ich die Chance habe, anderen zu helfen.

Die Fragen stellte Roland Brus.