DER SAND

Die erste Ausgabe 1 widmet sich dem ÜBER LEBEN.  
Wir haben viele Geschichten gesammelt: In einer der Aktionen haben wir vor dem Kunst-Kiosk auf der Wichlinghauser Straße ein Pop-Up-Fotostudio aufgebaut.
Hier fragten wir Passanten: Wie überlebst du? Welche Überlebenserfahrungen hast du?

Über Leben.
Eine Recherche von Roland Brus
Making of „Überlebensstudio“:
Fotos, Konzeption und Ausstattung: Daniela Camilla Raimund
Porträt-Fotos: Mirela Hadzic


Günni, aus Wuppertal

Wie ich überlebe? Ich guck erstmal, dass ich vorankomme, und dann kümmer ich mich natürlich auch um ehrenamtliche Projekte hier im Stadtteil, worüber ich auch in meinem Radio berichte. Ich hab einmal im Monat eine Radiosendung über ganz verschiedene Sachen. Ich sage nicht: „Ich muss das alleine machen, ich bin alleine.“ So will ich das nicht. Ich bin zwar da, aber es ist eine Gemeinschaft. Gilt auch für Wichlinghausen. Mein Motto ist: Meine Wenigkeit soll natürlich überleben und natürlich hilfsbereit gegenüber anderen Menschen sein. Das ist ganz wichtig, vor allen Dingen hier bei uns im Viertel. Wir kommen aus so vielen Schichten, da muss man miteinander arbeiten und nicht gegeneinander. Beim Überleben hilft mir mein Job, da helfen mir meine Freunde, mein Freundeskreis ist natürlich sehr groß. Die helfen natürlich. Wenn man alleine ist, es natürlich schwerer, wenn man Freunde und Bekannte hat, die einen mitziehen, ist das schon eine große Hilfe. Zum Überleben gehört für mich eben nicht nur Geld, auch wenn es zum Leben dazugehört.

Ibrahim, aus Gölyazi, Türkei

Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, ich war noch nie in einer Großstadt zuvor, Wuppertal an sich ist ja mittlerweile nicht mehr so reich, aber jetzt wenn man so vergleicht… die Überlebenschancen sind hier viel höher als in der Türkei. Was auch mit dem Mindestlohn und generell mit den Rechten der Arbeiter zu tun hat. In der Türkei liegt die Hungergrenze bei 1600 Lira, aber das Mindesteinkommen bei 1400. Das sind 200 Lira Differenz, die man eigentlich aufbringen müsste, damit man überlebt. Das schafft man halt nicht. Was sollen die Menschen mit Familien dort noch machen? Mein Onkel musste sein Haus verkaufen, um Unterstützung zu bekommen. Hier ist das anders. Hier gibt es erstmal Arbeitslosengeld, danach Hartz 4, und das Wohnen wird unterstützt. Daher find ich das hier auch schön. In der Türkei erzählte ich einem Bekannten, dass ich 200 Euro Kindergeld bekomme. Er sagte: „Davon kann ich hier einen Monat lang meine Familie ernähren.“

Shaman Ahmad, aus dem Irak

Seit sechs Monaten bin ich in Wuppertal. Ich bin Vater, ich habe drei Kinder. Ein Kind ist 10 Jahre alt, ein Kind sechs, und ein Baby, 35 Tage. Vorher war ich in drei Monate in Herford, dann kam der Transfer hierher. Es ist nicht gut im Irak, wirklich nicht gut. Überall sind Terroristen, die Bomben zerstören alles. Nicht gut. Für die Familie und die Kinder ist das nicht gut. Die Kinder gehen kaum in die Schule, und es gibt keine Arbeit. Irak ist kaputt. Andauernd fallen Bomben, und es brennt. Du musst um dein Leben kämpfen. Du wirst verrückt. Du weißt nicht, was du tust. Immer wenn du denkst, du bist verrückt, bist du auch verrückt. Man muss aufhören zu denken. Aber das können wir nicht.

In der Rubrik Im Fokus der Print-Ausgabe finden sich zahlreiche weitere Porträts und Stimmen von Menschen, denen wir begegnet sind.