FLUGSCHREIBER

In der Print-Ausgabe von Der SAND finden Sie in der Rubrik FLUGSCHREIBER eine tolle Luftaufnahme von Wichlinghausen und weitere Stimmen aus der offenen Wichlinghauser Erzählrunde, die Marie Luise Barkhoff seit Jahren im K1 Art-Cafe in der Ostraße 12 veranstaltet. Diesmal zum Thema „Überleben“ in Kooperation mit Die Wüste lebt! Die entstandenen Texte wurden ausgewählt von Andy Dino Iussa und Jörg Degenkolb-Degerli.

Triumphbogen Wichlinghauser Straße. Foto: Daniela Camilla Raimund

Man lebt in der Zeit. Die, die heute leben, haben es gar nicht besser. Sie haben es einfacher.

Wir sind über brennende Straßen gelaufen. Unser Haus ist zusammengefallen, es hat alles gebrannt. Meine Mutter blieb mit dem Fuß in der Tür hängen. Noch ein Schuh verloren. Dann brannte der ganze Asphalt, meine Mutter war auf Strümpfen. Also es war schon schlimm. Das war wirklich ein Überleben.

Als die Kinder raus waren, war die große Wohnung so leer. Das gefiel mir nicht. Dann suchten wir und hatten an der Grafenstraße Glück. Da ist alles ganz schön. Da wohnen ältere Leute gegenüber, schon seit ewig. Die haben auch unsere Telefonnummer. Man passt aufeinander auf, man guckt, wenn ein Rollo eine Zeit nicht hochgemacht ist.

Dann kam der Tag, wo mein Vater im Sterben lag und ich das Gefühl hatte, er will nicht loslassen. Ich war bei ihm, ich war den ganzen Tag da. Und abends so um halb acht, acht Uhr habe ich ihm ins Ohr geflüstert, „Papa, du musst loslassen…“

Etwas später kamen die ganzen Waren aus dem Ausland. Ich habe mein erstes Snickers, glaube ich, mit 11 probiert. Und Fanta. Und Cola. Und Bananen, ich kannte vorher keine Bananen. Bis wir nach Deutschland kamen. Lakritz war für mich eine neue Erfahrung.

Also, zur UdSSR-Zeit hatten die Leute zum Beispiel die Möglichkeit, Geld auf einem Sparbuch anzulegen. Als dann die Perestroika anfing, war das ganze Geld auf einmal nichts mehr wert. Viele waren verzweifelt, und es gab auch viel Kriminalität. Aus Verzweiflung.

Mein Vater war in Wien interniert. Von Russen, aber in Wien. Und dann schrieb er, dass er hoffe, die 1000 Kilometer bald zurücklegen zu können, um wieder nach Hause zu kommen. Die nächste Post kam aus Moskau.