MdB Helge Lindh: Es muss kribbeln

MdB Helge Lindh: Es muss kribbeln

Interview mit dem Bundestagsabgeordneten Helge Lindh (SPD)

Wir treffen uns in der „Mobilen Oase“ auf dem Vorplatz der Färberei in Wuppertal Oberbarmen. Helge Lindh, seit 2017 sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Wuppertal-1, ist zur Eröffnung der Veranstaltung „Inklusion von Anfang an“ vom VDK und der Aktion Mensch gekommen. Er trägt Jeans und ein offenes Polohemd. Schon bei der Begrüßung lacht er. Er lacht überhaupt gerne. Auch als wir ein Glas Wasser mit Ahoj-Brausepulver anbieten.

Helge Lindh (betrachtet die Brause): Sind das Drogen?

DER SAND: Ja. Wahrheitsdrogen. Du musst ganz kurz warten, bis es wirkt. Und nicht mit nem Kopfsprung ins Becken springen.

Muss die sich aufgelöst haben?

Kann man so machen, wie man will.

(Er probiert): Oh, die ist aber süß. Ich mag ja Brausepulver sowie… ich mag Brausepulver ja so pur. Unverdünnt. Wie immer im Leben, immer.

Wie Oskar Matzerath.

Ja, damit es auf der Zunge so kribbelt und brennt.

Und im Bauchnabel, oder?

Ja, im Bauchnabel auch. Andere Stellen werde ich jetzt nicht benennen.

War die Blechtrommel für dich eine prägende Erfahrung?

Die bittere Pointe ist: Ich habe Schlöndorffs Film nie vollständig gesehen. Muss ich allerdings mal machen, wenn ich den Hauptdarsteller sehe, muss ich immer unfreiwillig Philip Amthor denken.

Den CDU-Abgeordneten?

Ja. Ich bin ja Grassianer.

Hast du viel gelesen früher?

Ja, aber das musste ich auch im Studium.

Du hast Literatur studiert und Politikwissenschaft auf Magister.

Unter anderem. Abgeschlossen habe ich in Neue deutsche Literaturwissenschaft. Und in Geschichte und Sprachwissenschaft bzw. Linguistik.

Wo hast du studiert?

Außer im Leben, in Lüneburg, Bielefeld und Düsseldorf. Ich habe noch die Möglichkeit genutzt, nicht vom Bachelor gebändigt zu studieren, sondern freigeistig.

Wie viele Semester hast du studiert?

Zu viele. Weiß gar nicht mehr. War zwischendurch auch mal krank, musste dann auch unterbrechen. Hab aber dann nochmal Angriff genommen und mir dann einen formvollendeten Abschluss erarbeitet. Mit einer Examensarbeit zu Grass übrigens.

Zu Grass? Über welches Buch?

“Hundejahre”.

Ich dachte “Örtlich betäubt”.

Nein. Das ist aber mein genereller Zustand. Jetzt auch als Bundestagsabgeordneter.

Wir haben ja verabredet, heute über das Überleben zu sprechen.

Genau.

Also: Welche Erfahrungen mit Überleben hast du? Und welche Überlebenstechniken hast du dir im Laufe deines noch jungen Lebens angeeignet?

Naja, ich musste mal wirklich buchstäblich überleben, als ich sehr krank war, im Krankenhaus, und es gar nicht so gut aussah. Das ist sozusagen das buchstäbliche Überleben. Dann kämpft man physisch tatsächlich darum, den Schmerz zu besiegen und das Leben zu erhalten.

Foto: Mirela Hadzic

Was für eine Krankheit war das?

Das war eine verschleppte Krankheit, das ging von der Galle aus, dann war die Bauchspeicheldrüse schwer entzündet, und das wurde zwei Jahre lang falsch diagnostiziert und dann ging’s zur Notoperation ins Krankenhaus. Da war wirklich Not, es musste dringend was geschehen. Die Ärzte hatten sich ehrlich gesagt nicht die Mühe gegeben, genauer hinzugucken. So lag ich dann im Helios und wog noch 45 oder 48 Kilo. Hab mich dann aber wieder berappelt – dank ärztlicher Kunst und netter Familie und eigener Anstrengung.

Hat auch deine Arbeit mit Überleben zu tun?

Wuppertal bedeutet auch die Kunst des Überlebens, und Politik ist Kunst des Überlebens hoch zwei. Erst recht heutzutage. Und dann wird es wieder bitter, weil es ja einige gibt, die einen gerne umbringen würden. Das ist nicht ironisch gemeint. Da muss man sich auch auf’s Überleben verstehen.

Wir reden über das wortwörtliche Umbringen? Hast du Morddrohungen erhalten?

Ja. Da weiß man ja nie, ob die wirklich Ernst machen. Aber leider zeigt ja die “Wirklichkeit” in Anführungszeichen, dass die das im Einzelfall auch tun. Ich habe auch Morddrohungen bekommen, handgeschrieben und in digitaler Art. Das ist auch nicht immer beruhigend.

Hat sich das verstärkt, seit du Bundestagsabgeordneter in Berlin bist und anders in der Öffentlichkeit stehst?

Das hat natürlich damit zu tun. Wenn man sich immer klar gegen Rechts positioniert hat und mit Thema Migration und Ausländer und Flucht zu tun hat. Für Drohende wirkt der Bundestag als eine Art Brandbeschleuniger, der ihnen eine mehr Aufmerksamkeit verschafft.

Ich seh dich ohne Bodyguard.

Ja.

Schreibst du deine Reden anders, bewegst du dich anders?

Ich versuche mich davon nicht beeindrucken zu lassen. Also selbstverordnete Ignoranz und Naivität als Überlebenstechnik.

Trainierst du auch deine innere Haltung?

Nicht wirklich. Aber wenn ich merke, dass ich mich von diesen Drohungen beeindrucken lasse oder Dinge nicht sage, die ich ansonsten sagen würde, versuch ich das beim nächsten Mal zu korrigieren und mich nicht selbst zu zensieren und einzuschränken. Weil das der größte Triumph der Drohenden wäre.

Die Fragen stellte Roland Brus.